Malerische Architekturen

Über die Cascade Collages von Käthe Schönle
Text: Paula Watzl, Übersetzung: Sam Bunn
Video: Felix Stekl, Bernadette Meisel
Fotos: Caterina Donner

„Das leere Zeichenbuch liegt vor mir, Seite um Seite wird gefüllt, Schicht um Schicht – wie Sedimente lagern sich Erfahrungen, Begegnungen, Gedanken ab in das, was man als Sein von sich und anderen wahrnimmt.“ Käthe Schönle

Skizzenbücher begleiten Käthe Schönle seit Beginn ihres Kunstschaffens. Schon in frühen Jahren war das stetige Notieren eine erste Beschäftigung mit jenen existenziellen Lebensfragen, die das vielgestaltige Werk der Künstlerin bis heute treiben. Im konstanten Zeichnen des Skizzenbuchs hat sich zweierlei begründet, was sich im Laufe der Karriere Käthe Schönles sodann verfestigte. Nämlich erstens, der Versuch philosophischen Fragen im künstlerischen Ausdruck zu begegnen und zweitens, eine Faszination für das Material, auf dem eben diese Begegnung stattfindet. So bewegt sie sich vom Papier zur Leinwand und immer wieder im Wechselspiel der beiden. Hinzu kommen immer wieder auch neue Materialien, eine Bewegung in den Raum, ins Installative und dann und wann auch ein Schritt ins Angewandte. 

Kunst bedeutet für Käthe Schönle Material zu transformieren und die inhaltlichen wie die ästhetischen und physischen Spannungsverhältnisse auszuloten. 

Das Interesse am Hybriden, am Mehrdeutigen und am Vielschichtigen durchzieht ihr gesamtes Oeuvre. Eine wichtige Komplizin in dieser Beschäftigung ist die Collage. Die Urform des Zusammenführens – im Geistigen wie im Haptischen. „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt“ 1 , meinte Max Ernst, und es verwundert nicht, dass Schönle eine Begeisterung für den großen Dadaisten hegt. 

Im Siebdruck findet ihr Interesse an Kontrasten und Durchbrechungen – an Überlagerungen einerseits, und klaren Abgrenzungen anderseits – einen Kulminationspunkt. In den neuen Serien erprobt Schönle wie viel Schichtung ein Bildträger harmonisch tragen kann.

Die Drucktechnik ermöglicht der Künstlerin das Durchdeklinieren des Formenrepertoires: Immer wieder wird das Papier bedruckt und darauf wiederum werden bedruckte oder bemalte Papierelemente collagiert. 

So lässt sich auch das Thema Zeit in den Papieren, die immer mit dem gleichen Schablonenmaterial bearbeitet wurden, nachlesen. 

Es ist ein Arbeiten in technischen wie inhaltlichen Modulen, die ineinandergreifen, sich ständig neu zueinander positionieren und gemeinsam zu einer komplexen Bildarchitektur aufbauen. Die Präzision, die den Arbeiten zugrunde liegt, entsteht gleichermaßen aus mutigen Synergien und der Notwendigkeit der Reduktion, aus Verdichtungen und Leerstellen. Dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, beweist Käthe Schönle dabei wiederholt.

Der Umgang mit Druck ist nicht gänzlich neu in ihrem Schaffen, erfährt in den neu entstandenen Serien jedoch neue Ebenen, die sich auch daraus speisen, dass es der Künstlerin gelingt das Malerische mit dem Gedruckten in ein harmonisches Zwiegespräch zu überführen. Selbst die gedruckten Bildstellen zeigen stets deutliche malerische Qualitäten auf und damit auch den Möglichkeitsraum des Siebdrucks.

Im Mittelpunkt der „Cascade“-Serie steht die Auseinandersetzung mit der Farbpalette zum einen und dem Potenzial der Form zum anderen.

Abstraktion und Figuration ergänzen einander dort wo die Bildstellen sich in organischen Gebilden lesen lassen und Vermutungen der Gestalt oder einer Landschaft auftauchen, um sich gleich wieder im Gesamterleben zu verflüchtigen. Käthe Schönle offeriert simultane Wahrnehmungsräume: Dort wo die Schablonen mehrdeutig zusammenfinden und die Assoziationsketten angestiftet werden, darf auch ein Augenzwinkern dann und wann nicht fehlen.

Doch es ist nicht nur ein Jonglieren mit Formen, es ist auch ein Spazierenführen von Gedanken. 

Begleitetet von verschiedenen Denkschulen, die Schönle beschäftigen. Aktuell sind es unter anderem die Schriften von Maurice Merleau-Ponty, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Wahrnehmung und Körperlichkeit gedanklich zusammenbrachte. Der Körper ist bei Schönle allgegenwärtig, nicht nur als Form, sondern auch als konzeptueller Inhalt, der die Grenzen von Innen und Aussen abschreitet. „Die Anderen brauche ich nicht erst anderswo zu suchen: ich finde sie innerhalb meiner Erfahrung, sie bewohnen die Nischen, die das enthalten, was mir verborgen, ihnen aber sichtbar ist“ 2, schreibt Merleau-Ponty und beschreibt, ohne es wohl intendiert zu haben, ganz treffend auch das Erfahren jener Kunst, die es versteht, grundsätzlich menschlich zu berühren, weil sie ganzheitlich agiert. 

Schönle verschränkt Philosophie und Kunstgeschichte, lässt ihre eigene Wahrnehmung einfliessen und versteht es mit technischem Geschick ihre unverkennbare Bildsprache in den Siebdruck zu übersetzen – indem sie die Ideen der Collage, die Idee des Zusammentreffens, zum künstlerischen Prinzip erklärt.

Painterly Architectures

The Cascade Collages of Käthe Schönle
Text: Paula Watzl, Translation: Sam Bunn
Video: Felix Stekl, Bernadette Meisel
Photos: Caterina Donner

“The empty sketchbook lies before me, page after page to be filled, layer after layer. Like sediment, experiences, encounters and thoughts are deposited, as what one perceives as being of oneself and of others.” Käthe Schönle 

Sketchbooks have accompanied Käthe Schönle from the beginning of her artistic career. Existential questions about life filling page on page – a preoccupation that continues to drive her multifaceted work to this day. This constant activity is driven by two poles, coalesced over the course of her career. Firstly, an attempt to bring philosophical questions together with artistic expression, and secondly, a fascination for the material upon which this encounter takes place. Schönle moves from paper to canvas and returns, caught in an interplay between the two. Into this mix come new materials, a foray into space, to installation and, now and then, a step into the applied. 

For Schönle, art means to transform material and to explore the limits of meaning, aesthetics and physical relations.

An interest in hybrids, ambiguities and complexities pervades her entire oeuvre. Collage, the haptic and spiritual origin of artistic amalgamation, serves as an important accomplice in this preoccupation. Max Ernst described the technique of collage as ‘the systematic exploitation of the accidental, the artificially provoked meeting of two or more alien realities on an apparently unsuitable level – and the spark of poetry that jumps over when these realities converge.’1 It comes as no surprise that Schönle has a passion for the great Dadaist. 

In screen printing, Schönle‘s interest in contrasts and interruptions – in overlays and clear boundaries – combine perfectly. In her new series, she tests how much layering an arrangement can accept and remain harmonious.

Screen printing enables the artist to precisely delineate her repertoire of forms.

The paper is printed on again and again and through this, printed and painted paper elements are bound together. For the alert reader, this repetition of stencils folds the subject of time into the paper, showing Schönle‘s restless testing of the medium.

Modules of content and technique interlock, constantly repositioning, building together to form a complex architecture of imagery. The precision on which these works hang depend in equal measure upon courageous juxtapositions and careful reductions, balancing condensation with empty space. Bringing new meaning to the old adage, Schönle repeatedly proves that the whole is more than the sum of its parts. 

Although handling print is not entirely new to Schönle, it is raised to new levels in this recently created series, fed by the artist’s success at transforming the painterly into dialogue with the printed. With Schönle, these typically flat areas of print possess strong painterly qualities, demonstrating the broad scope of screen printing when in the right hands. 

The focus of the Cascade series is a vigorous examination of colour and the potential of form. 

Abstraction and figuration complement one another, areas read as organic structures, approximations of characters and landscape emerge, only to evaporate again in the overall experience. Käthe Schönle offers simultaneous spaces of perception. Where the stencils come together, ambiguous chains of association are instigated, often with a cheeky wink to be found glinting through the layers.

But it’s not just about juggling shapes. It’s also about taking thoughts for a walk, accompanied by various, shifting schools of thought. 

Among others, the writings of Maurice Merleau-Ponty – who brought thoughts about perception and physicality together in the first half of the 20th century – currently occupy Schönle. The body is omnipresent in her work, not only as a form, but also as a concept, pacing the boundaries, inside and out: “I don’t need to look elsewhere for the others, I find them within my own experience. They inhabit the niches, those that contain what is hidden from me, yet visible to them,”2 writes Merleau-Ponty. He aptly describes, without having intended to, experiencing art which knows how to touch one in a fundamentally human way, because it acts from all sides at once. 

Schönle combines philosophy and art history, allowing her own perception to flow in as, with a technical knack, she translates her unmistakable imagery into screenprints, screenprints in which the principle of collage – of coming together – are confirmed. 

 1 Uwe M. Schneede, Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert. Von den Avantgarden bis zur Gegenwart, C. H. Beck, 2001, S. 90

 2 Maurice Merlau-Ponty, Die Abenteuer der Dialektik. Übersetzt von Alfred Schmidt und Herbert Schmitt, Suhrkamp, 1974, S. 166