Der Preis des Erfolgs

Text: Frederike Sperling
Video: Felix Stekl, Bernadette Meisel
Fotos: Cati Donner

Mariella Lehner kratzt am Glanz des Ruhmes. Wo die neoliberale Erfolgsmaxime Massstab unseres sozialen Status geworden ist, bohrt sich die Künstlerin durch die poröse Hülle des Scheins und legt die Fragilität offen, die jedem Triumph unvermeidlich innewohnt. Mit ihren Werken, die sich über Druckgrafik, Malerei und Skulptur erstrecken, fordert uns diese Künstlerin auf, in die Abgründe unseres Strebens nach gesellschaftlicher Anerkennung zu blicken. 

Dazu verführt die Künstlerin zu Beginn unser auf Ordnung und Rationalität geschultes Auge mit Einheitlichkeit suggerierenden, taxonomischen Anordnungen, aber auch mit lebensgroßen Dimensionen. „Precious and Precarious“ (2022) beispielweise, eine Arbeit die in ihrer Organisation und ihrer monochromen Farbgebung an die Portraitserien von Marlene Dumas aus den 1990er Jahren erinnert, besteht aus einer Vielzahl gleichmäßig gereihter Gipsdrucke in jeweils der Größe eines E-Books.

Während Dumas in ihren Serien in der Regel ein Bild derart positioniert, dass es die Logik der Konformität unterbricht, ist es bei Lehner die Technik der Monotypie 1, die jede einzelne dieser Platten zu einem Unikat macht und folglich die implizierte Normativität der Arbeit banalisiert.

Diese Form der Manipulation kehrt auch in Lehners Auseinandersetzung mit Oberflächen zurück, appropriiert sie auf dieser Ebene doch nonchalant den trügerischen Schein des Äußeren.

Indem die Künstlerin oftmals verschiedene Techniken in Schichten übereinander lagert, erschwert sie uns das Durchdringen zum Bildmotiv, wie in den lebensgroßen Gemälden „Peacemakers“ (2022) oder „On Power and Impotence“ (2022).

So versieht sie Partien von Kohle und Pastellkreide mit einem Schleier aus Airbrush und ergänzt diese um Ebenen von Japanpapier. Subtile Falten entstehen, lassen die Bildoberfläche wie eine von Adern unterwanderte Schutzhaut erscheinen.

Dieser Effekt, diese Korrumpierung des zugrundeliegenden Motivs, ist zu einem gewissen Grad immer auch in die Logiken der Druckgrafik eingeschrieben und kehrt dann auch in klassischeren Radierungen von Lehner, wie zum Beispiel „Tristesse“ (2019), wieder: Abdrucke wie in diesem Fall auf Gips verkörpern stets (obgleich minimale) Verweichungen ursprünglich scharf gestochener Linien auf schimmernden Metallplatten. Mit Blick auf Lehners Praxis könnte man demnach Drucke als eine Art Stellvertreter einer „öffentlichkeitsscheuen“, „mystifizierten“ Radierung interpretieren. Diese Mystik, diese Unnahbarkeit des Originals scheinen die Drucktechnik für Lehner daher schon fast zu einem konsequenten Medium zu machen. Denn sind sie nicht wesentliche Faktoren in der Konstruktion gesellschaftlichen Ruhmes?  

Doch Lehners künstlerische Strategie verweilt nicht in der bloßen Affirmation der Illusion des Äußeren. Die Künstlerin zwingt uns viel mehr in die Tiefen des Bildes zu blicken, sein Motiv freizulegen. So erkennen wir in der Serie „Precious and Precarious“ dann auch einen fein frisierten Pudel mit gefletschten Zähnen in Anlehnung an seine Abstammung vom Wolf. Erblicken ein Edelweiß, das zwar als Souvenir im alpinen Raum begehrt, jedoch als eben solches vom Aussterben bedroht ist. Wie schon der Titel der Serie feststellt: jedes Ansehen ist relativ.

Mit dieser Prämisse wendet Lehner sich in ihrer neusten Werkserie „Coming in second“ (2022) dem Pferdesport zu. Als Ursprung dieses Interesses nennt die Künstlerin den Vorfall beim Modernen Fünfkampf bei Olympia 2021. Die Reiterin Annika Scheul verlor damals ihre schon sicher geglaubte Goldmedaille in der vierten Disziplin, dem Springreiten, nachdem das ihr zugeloste Pferd „Saint Boy“ das Springen schlicht verweigert hatte. In den neuen Arbeiten bildet Lehner Pferde und Reiter:innen im Moment des Sturzes ab, fokussiert auf den Akt des vermeintlichen Scheiterns. Mit der Einbindung von Tieren, wie sie in Lehners Praxis regelmäßig wiederkehren, mahnt uns die Künstlerin zum Perspektivwechsel: Ist der Sturz, ist das Verweigern von Leistungserbringung aus Sicht des Pferdes (abgesehen von den oftmals tödlichen Folgen) nicht auch eine Form der Selbstermächtigung, des Sieges über die Erfolgswährungen des Menschen? Mit Gesten wie diesen deckt die Künstlerin nicht nur die Gleichzeitigkeiten von Erfolg und Niederlage auf, sondern demaskiert auch den neoliberalen Erfolgszwang als ein menschengemachtes, absurdes Dilemma.

In einer Zeit, da soziale Plattformen Oberflächlichkeit und Erfolg als Garanten für soziale Wertschöpfung nicht nur katalysieren, sondern auch kapitalisieren, entblößt Mariella Lehner die Fragilität eben dieser Rhetorik. Gewinn und Vorteil verortet diese Künstlerin viel mehr als einen immateriellen Wert in den weitgesteckten Interdependenzen zwischen Menschen und mehr-als-menschlichen Lebewesen.

Bei dieser Technik werden Malerei und Grafik derart kombiniert, dass nicht die Druckform das Resultat bestimmt, sondern die Art und Weise, wie die Darstellung händisch aufgetragen wird.