Horizontales Denken

Über die FOLDED FIGURES von Michael Wegerer
Text: Katja Stecher, Übersetzung: Sam Bunn
Video: Felix Stekl, Bernadette Meisel
Fotos: Caterina Donner

Der Künstler Ed Sommer bezeichnete Kunstwerke einmal als Instrumente der Wahrnehmung1. Doch können wir unserer Wahrnehmung trauen? Oder anders gefragt:

Wie genau nehmen wir uns und die uns umgebende Welt wahr?

Diesen Überlegungen geht Michael Wegerer in seiner aktuellen Serie der Folded Figures nach. Ausgehend von geometrischen Grundformen beschäftigt er sich in diesen Arbeiten mit dem Prinzip des Seriellen, das auch im Siebdruck zentral ist, und dem Verhältnis von Farbe, Rhythmus und Bewegung. Eine wesentliche Rolle spielt zudem die Interaktion zwischen Betrachter*in und Kunstwerk bzw. die Idee, durch die Veränderung des eigenen Standpunkts, die jeweilige Arbeit immer wieder neu zu erleben.

Muster aus Streifen, Rechtecken, Quadraten oder Kreissegmenten in intensiven, leuchtenden Farben sind auf einen farbigen Hintergrund montiert. Die serielle Anordnung dieser grafischen Elemente und der rhythmische Farbverlauf erzeugen eine räumliche Wirkung, die sich lediglich als optische Illusion in der Wahrnehmung der Betrachter*innen zu äußern scheint. Denn die gerahmten, abstrakten Siebdrucke erwecken auf den ersten Blick einen flächigen Eindruck.

Erst bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass es sich hierbei um geometrische Reliefs handelt und sich die einzelnen Formen durch eine exakte Faltung des Papiers plastisch vom Hintergrund abheben.

Mit den FOLDED FIGURES befreit Michael Wegerer die Druckgrafik einmal mehr von der Fläche, sprengt den vorgegebenen (Bild)Rahmen und setzt bei seiner Ausstellung im Viadukt die elementaren geometrischen Formen als Wandmalerei oder bildhafte Skulptur im Raum fort. Die dynamische Struktur der gefalteten Oberflächen steht in einem Spannungsverhältnis zu den Blick- und Standortverschiebungen der Rezipient*innen. Gleichzeitig mit der Bewegung vor dem Bild wird das Motiv der Bewegung im Bild durch den visuellen Kippeffekt erzeugt, der den Wechsel von konkaver und konvexer Raumperspektive hervorruft:

Farben changieren von hell nach dunkel, Formen springen vor und zurück, feine Linien, zarte Muster und malerische Spuren akzentuieren die Reliefs. Das Zusammenspiel von Farbe, Form und Rhythmus scheint noch lange nicht erschöpft, sondern eine Vielzahl von Variationen hervorzubringen.

Mit den gefalteten Arbeiten inszeniert Michael Wegerer neue Wahrnehmungs- und Denkräume. Er knüpft damit an die Formensprache der Konkreten Kunst an und erweitert diese Ästhetik um die Illusion von Bewegung im Bild. Obgleich er aufgrund seines Studiums am Londoner Royal Collage of Art seine Vorbilder und Einflüsse eher in England verortet, lassen sich auch Parallelen zu österreichischen Vetreter*innen der Op-Art2 feststellen, die sich in ihrem Kunstschaffen mit ähnlichen Fragestellungen befassten. Helga Philipp, deren Interesse ebenfalls den geometrischen Grundformen galt, hat bspw. ihre Siebdrucke als Prägedrucke und später als Schichtgrafiken ins Relief gewandelt, oder Plexiglasobjekte aus bis zu fünf Schichten mit optischen Effekten zur Skulptur addiert.3 Für die Umsetzung visueller Phänomene war auch eine Auseinandersetzung mit den Farbtheorien von Josef Albers wichtig, der ab 1950 in der Serie Homage to the Square das Verhältnis von Form, Farbe und räumlicher Wirkung anhand unzähliger Variationen von drei oder vier ineinander liegenden, monochromen Quadraten untersuchte. Gleichzeitig erfolgt ein gewisser Rückgriff auf die Papierskulpturen, an denen der Künstler seit 2006 fortlaufend arbeitet und Alltagsobjekte wie Tische, Sessel, Leitern oder Türen im grafischen Holzschnittverfahren reproduziert. Seinen Arbeitsprozess beschreibt Michael Wegerer als kreisförmig, bei dem er immer wieder an den Anfang zurückkehrt und – ähnlich wie im Siebdruck – bestehende Elemente aufgreift, wiederholt und neu verarbeitet.

Der Medienphilosoph Vilém Flusser3 geht davon aus, dass das Denken den Bedingungen seiner technischen Ausdrucksmöglichkeit folgt. Wenn wir seine Einschätzung nun auf die Druckgrafik übertragen, stellen wir fest, dass hier im Unterschied zu anderen Gattungen die einzelnen Komponenten und Schablonen auf einer horizontalen Fläche zu einem Bild arrangiert werden. Dieses „horizontale Denken“ ist für Michael Wegerer essenziell und unterscheidet die Druckgrafik grundlegend von der Arbeitsweise die der Fotografie, Malerei oder Skulptur zugrunde liegt. Obgleich er sich allen diesen Medien bedient und der fertige Print in weiterer Folge zum Objekt, zur Skulptur oder zur Rauminstallation wird, ist der Ausgangspunkt seiner Arbeiten die horizontale Fläche, die auf dem Drucktisch aufliegt.

1 Vgl. Axel Köhne, Neue Tendenzen: Wege in die Abstraktion, in: Agnes Husslein-Arco, Axel Köhne (Hg.), Ausstellungskatalog Abstract Loop Austria, 21er Haus Wien, 2016, S. 9.
2 Der Begriff Op-Art (Optical Art) hat sich im Zuge der legendären Ausstellung The Responsive Eye herausgebildet, die 1965 im Museum of Modern Art, New York stattfand, und sich endgültig im Diskurs durch einen im Time Magazine erschienen Artikel etabliert. Vgl. Ebd. S. 16.
3 Brigitte Borchhardt-Birbaumer, Serielle Strukturen. Helga Philipp und die Konkreten, in: Ebd. S. 84. 4 Vgl. Beat Wyss, Fragmente zur Kunstgeschichte der Medien, in: René Hirner, Museum Heidenheim (Hg.), Vom Holzschnitt zum Internet. Die Kunst und die Geschichte der Bildmedien von 1450 bis heute, Ostfildern-Ruit 1997, S. 10.

Horizontal Thinking

The FOLDED FIGURES of Michael Wegerer
Text: Katja Stecher, Translation: Sam Bunn
Video: Felix Stekl, Bernadette Meisel
Photos: Caterina Donner

The artist Ed Sommer once described works of art as instruments of perception1.

But can we trust our perception? Or to put it another way, how exactly do we perceive ourselves and the world around us?

It is these considerations that Michael Wegerer explores in his current series, Folded Figures.

His exploration begins with the basic geometric shapes, dealing with the principle of the series, a central element of screen printing, and the relationship between colour, rhythm and movement. Considerations regarding the interaction between the viewer and the work of art are also crucial, in particular the idea that changing one’s point of view allows one to constantly re-experience an artwork.

 

Intense, luminous colours are arranged into patterns of stripes, rectangles, circular sections and squares, mounted on brightly coloured backgrounds. The serial arrangement of these graphical elements within rhythmic colour gradients creates a spatial effect that appears to create optical illusions in the perception of the viewer.

Because the framed, abstract screen prints create a two-dimensional impression at first glance, it is only on closer inspection you notice that the works are actually geometric reliefs. Through precise folding, the individual shapes stand out physically from the background.

In his exhibition for Viaduct, Wegerer’s Folded Figures free printmaking from the surface in additional ways – he further breaks the given (picture) frame by continuing his elementary geometric forms onto the walls and setting them as pictorial sculptures in the space itself. The dynamic structure of these folded surfaces creates a tension with the viewer’s gaze as their perspective shifts within the gallery. Concurrent with this movement in front of the picture, the motif of movement is also generated within the pictures themselves, through use of the ‘tilt effect’. This technique evokes a continuous shift between a concave and a convex perception of space in the viewer:

colours change from light to dark, shapes jump back and forth. Fine lines, delicate patterns and painterly traces accentuate these effects in such a way that the interplay of colour, shape and rhythm, far from becoming exhausted, brings forth an unending multitude of variations.

With his folded work, Michael Wegerer stages new spaces for perception and thinking that maintain ties to the formal language of Concrete Art, whilst expanding this aesthetic to include the illusion of movement. Having studied at the Royal Collage of Art in London, Wegerer typically sites British role models and influences. Parallels can nevertheless be found among the Austrian representatives of Op Art2 who navigated similar concerns. For example, Helga Philipp’s interest in the basic geometric shapes produced comparable outcomes. She used embossing to bring depth to her early screenprints and later produced layer graphics as reliefs. She also created plexiglass objects of up to five layers that granted optical effects to her sculptures. In terms of lineage, to understand Wegerer’s implementation of visual phenomena it is important to acknowledge the colour theories of Josef Albers who, starting in the 1950s, investigated the relationship between form, colour and spatial effects in his series Homage to the Square, wherein he explored countless variations of three or four monochromatic squares juxtaposed one inside of another. Equally, the Folded Figures also have a clear relation to Wegerer’s own practice, in particular his Papierskulpturen, which he has been continuously working on since 2006, and the graphical woodcut reproductions he makes of everyday objects such as tables, armchairs, ladders and doors. The artist describes his process as circular, wherein he always returns to the beginning and – like in screen printing – takes up existing elements again, repeating and reprocessing them. 

The philosopher Vilém Flusser3 proposes that thinking follows the technical conditions of its means of expression. If we transfer this hypothesis to printmaking, we find that, in contrast to other genres, the individual components and templates that make up an image are arranged horizontally upon the surface. Not only does this “horizontal thinking” fundamentally differentiate printmaking from the working methods on which photography, painting and sculpture are based, it is also essential to Michael Wegerer’s practice. Although he does make use of these other mediums to create his work, and the finished print subsequently becomes an object, a sculpture or a room installation, the starting point for all of his potential is the horizontal surface that lies in wait upon the printing table. 

1 Vgl. Axel Köhne, Neue Tendenzen: Wege in die Abstraktion, in: Agnes Husslein-Arco, Axel Köhne (Hg.), Ausstellungskatalog Abstract Loop Austria, 21er Haus Wien, 2016, S. 9.
2 Der Begriff Op-Art (Optical Art) hat sich im Zuge der legendären Ausstellung The Responsive Eye herausgebildet, die 1965 im Museum of Modern Art, New York stattfand, und sich endgültig im Diskurs durch einen im Time Magazine erschienen Artikel etabliert. Vgl. Ebd. S. 16.
3 Brigitte Borchhardt-Birbaumer, Serielle Strukturen. Helga Philipp und die Konkreten, in: Ebd. S. 84. 4 Vgl. Beat Wyss, Fragmente zur Kunstgeschichte der Medien, in: René Hirner, Museum Heidenheim (Hg.), Vom Holzschnitt zum Internet. Die Kunst und die Geschichte der Bildmedien von 1450 bis heute, Ostfildern-Ruit 1997, S. 10.